Shatter and Shelter
2026
In Shatter and Shelter führt Birgit Dieker zwei gegensätzliche Bewegungen zusammen: das Zerbrechen und das Bergen, Verletzung und Schutz, Öffnung und Rückzug. Es sind Pole, die sich durch ihr gesamtes bildhauerisches Werk ziehen. Seit vielen Jahren begreift Dieker den menschlichen Körper nicht als geschlossene, unveränderliche Form, sondern als etwas Verletzliches und Wandelbares – geprägt von Erfahrungen, Erinnerungen, Emotionen und gesellschaftlichen Zuschreibungen.
Eine besondere Rolle spielt dabei der weibliche Körper. Dieker untersucht Bilder und Vorstellungen von Weiblichkeit, die sich zwischen Begehren und Zurichtung, Fürsorge und Gewalt, Selbstbehauptung und Verletzlichkeit bewegen. Körper erscheinen in ihren Arbeiten nie losgelöst von den gesellschaftlichen Rollen und Erwartungen, die sich in sie einschreiben. Dabei interessiert die Künstlerin gerade das Ambivalente: das gleichzeitige Vorhandensein von Anziehung und Abwehr, Schönheit und Verstörung, Schutzbedürfnis und Widerstand.
Kleidung spielt in Diekers Werk eine zentrale Rolle. Getragen, benutzt und dem Körper unmittelbar verbunden, ist sie für die Künstlerin weit mehr als bloßes Material. Sie ist Hülle und zweite Haut, Speicher von Individualität und zugleich Ausdruck gesellschaftlicher Rollen. In aufwendigen Arbeitsprozessen schichtet und vernäht Dieker Stoffe zu kompakten skulpturalen Körpern, um sie anschließend wieder zu öffnen, einzuschneiden oder Teile ihrer inneren Struktur freizulegen. Aus dem weichen, vertrauten Material entstehen Körper, Köpfe und organische Formen, die anziehend und irritierend zugleich wirken.
In Shatter and Shelter tritt die Kleidung in einen Dialog mit anderen Materialien und Dingen, die bereits eigene Bedeutungen in sich tragen: Porzellantassen, Topflappen, Haare, Schaufensterpuppenköpfe, Bitumen, Dachpappe. Häusliches und Zerbrechliches trifft auf Werkstoffe des Bauens, Abdichtens und Schützens; idealisierte weibliche Körperbilder auf Versehrtheit und Fragmentierung. Dieker entzieht diese Dinge ihrem vertrauten Gebrauch und verwandelt sie in Elemente einer eigenen körperlichen Bildsprache. Vertrautes kippt ins Fremde, das Häusliche kann bedrohlich und das Fragile widerständig werden.
Besonders zugespitzt erscheint diese Ambivalenz in der neuen Arbeit Smokey Eyes. Zerbrochene weibliche Schaufensterpuppenköpfe mit geschminkten Augen, Wimpern und roten Mündern fügen sich zu einem Sprengkörper – die einstigen Idealbilder weiblicher Schönheit werden zu Sprengköpfen. Verführung und Bedrohung, Glamour und Gewalt geraten in irritierende Nähe.
Der Ausstellungstitel Shatter and Shelter führt diese Ambivalenz über den einzelnen Körper hinaus. Schutz ist nie endgültig. Hüllen können bergen und einengen, bewahren und verbergen; auch Beziehungen und Vorstellungen von uns selbst können brüchig werden. Diekers Skulpturen lösen diese Widersprüche nicht auf. Sie geben ihnen eine physische Form.
Birgit Diekers bildhauerisches Werk ist seit den späten 1990er-Jahren in zahlreichen institutionellen Ausstellungen präsent. Ihre Arbeiten wurden unter anderem im Kunstmuseum Wolfsburg, in der Bundeskunsthalle Bonn, im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr und im Mönchehaus Museum Goslar gezeigt, das ihr 2023 eine Einzelausstellung widmete. Werke Diekers befinden sich unter anderem in den Sammlungen des Museums der bildenden Künste Leipzig und der Skulpturensammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden; aktuell ist sie zudem in der Kunstkammer Gegenwart III im Residenzschloss Dresden vertreten.
Mit dem Laden für Nichts verbindet Dieker eine längere Ausstellungs-geschichte: Auf Überwintern 2014 und All My Pretty Ones 2019 folgt nun Shatter and Shelter.